Kleinster Herzschrittmacher der Welt erstmals am HBK eingesetzt

29.08.2017

In der Klinik für Innere Medizin I – Kardiologie, Angiologie, Internistische Intensivmedizin – des Heinrich-Braun-Klinikums wurde erstmals eine sogenannte Kardiokapsel implantiert. Dieser winzig kleine Herzschrittmacher wird zur Behandlung von bradykarden Rhythmusstörungen (verlangsamter Herzschlag) eingesetzt und über die Leistenvene drahtlos im Herzen verankert. Vor allem Patienten mit Vorerkrankungen profitieren von dieser innovativen Methode, die bislang in nur wenigen sächsischen Kliniken angeboten wird.

Trotz der geringen Größe der Kardiokapsel, welche nur 2,59 Zentimeter lang und ...
OA Schönweiß zeigt Werner Milde, wo die kleine Kapsel im Herzen eingesetzt ...
© Ingolf Wehsener
Marc Schönweiß, Leitender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin I am HBK, hat mit seinem Team im Juli erstmals die Kardiokapsel, die nicht viel größer als eine Vitaminkapsel ist, erfolgreich bei dem 87-jährigen Patienten Werner Milde implantiert. „Bei der minimalinvasiven Methode ist kein operativer Schnitt mehr notwendig, denn die Kapsel wird schonend über einen Katheter von der Leistenvene direkt im Herzen in der rechten Kammer eingesetzt und unmittelbar im Herzmuskel verankert. Von dort gibt die Kapsel die nötigen elektrischen Impulse drahtlos an die Herzspitze ab. Verrutschte Elektroden oder Kabelbrüche sind so nicht mehr möglich und auch das Infektionsrisiko ist deutlich geringer“, zählt der Mediziner die Vorteile auf. Zum Vergleich: Herkömmliche Herzschrittmacher, die etwa so groß wie eine Streichholzschachtel sind, werden operativ in einer Gewebetasche unterhalb des Schlüsselbeins implantiert und besitzen lange Elektroden, die zum Herzen führen und es elektrisch stimulieren.

Werner Milde litt an Vorhofflimmern. Er hatte Probleme mit der Luft, Schwindelanfälle und Schmerzen im Herzen. "Ich war kein richtiger Mensch mehr", erinnert sich der Zwickauer. Deshalb habe er auch nicht gezögert und nach der Diagnose sofort der neuen Behandlung am HBK zugestimmt. "Ich hatte vollstes Vertrauen in den Oberarzt", so Milde. Dem 87-Jährigen ging es schon kurze Zeit nach dem Eingriff viel besser. Nach zwei Tagen konnte er die Klinik wieder verlassen. Seitdem hat er keine Schmerzen mehr und auch das Treppensteigen funktioniert ohne Probleme.

„Die Kardiokapsel ist ein Einkammersystem und für Patienten bestimmt, bei denen nur die rechte Herzkammer stimuliert werden muss. Das ist bei der Bradykardie, also einem verlangsamtem Herzschlag der Fall und macht in unserer Klinik rund 15 Prozent der Herzschrittmacherpatienten aus“, erklärt Privatdozent Dr. med. habil. Holger H. Sigusch, Chefarzt der Klinik. Die neue Technologie wird vor allem bei Patienten mit Vorhofflimmern angewandt, bei denen die Anlage eines konventionellen Herzschrittmachersystems aufgrund von Gefäßerkrankungen, Infektionen des Herzens und des Gefäßsystems oder Verschlüssen der Schlüsselbeinvene nicht möglich ist. Auch Dialysepatienten mit hohen Komplikationsrisiken profitieren von dem neuen Gerät. Trotz der geringen Größe der Kardiokapsel, welche nur 2,59 Zentimeter lang und 1,75 Gramm leicht ist, hat die Batterie eine geschätzte Lebenszeit von circa zehn Jahren – also ähnlich wie beim herkömmlichen Schrittmacher. Das System reagiert auf den Aktivitätsgrad des Patienten, indem es die Schrittmachertätigkeit automatisch anpasst. Es ist für MRT-Untersuchungen aller Körperregionen zugelassen und hält dem Patienten so den Zugang zu den fortschrittlichsten diagnostischen Bildgebungsverfahren offen. Die Programmierung des Schrittmachers erfolgt nach dem 30- bis 45-minütigen Eingriff drahtlos von außen. Bei Bedarf kann die Kapsel umpositioniert oder entfernt  werden. Auch die Implantation weiterer Kapseln ist möglich.

Die Schrittmachertherapie ist die häufigste Form der Behandlung bei Bradykardie, bei der das Herz zu langsam oder unregelmäßig schlägt, typischerweise weniger als 60-mal pro Minute. Mit dieser niedrigen Frequenz kann das Herz nicht genug sauerstoffreiches Blut für normale körperliche Aktivität oder gar stärkere Belastung bereitstellen. Die Patienten leiden an Benommenheit, Müdigkeit, Kurzatmigkeit bis hin zu Ohnmachtsanfällen. Herzschrittmacher senden elektrische Impulse aus, um die Herzfrequenz zu steigern, und tragen so dazu bei, den natürlichen Herzrhythmus wiederherzustellen und die Symptome zu lindern.


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