HBK entwickelt Gerät zur besseren Lungenüberwachung von Notfallpatienten mit

07.08.2017

Nach einem Unfall zählt jede Minute. Besonders wichtig sind schnelle Informationen über die Atemfunktion und mögliche Lungenschädigungen des Verunfallten – bislang sind diese jedoch nicht ausreichend verfügbar. Wissenschaftler, unter anderem HBK-Chefarzt Privatdozent Dr. med. habil. Andreas Wolfgang Reske, entwickeln deshalb ein mobiles Gerät, mit dem die Lunge vom Unfallort bis in die Klinik schnell und kontinuierlich überwacht werden kann.

Aktuell wird der Elektrodengurt in der Klinik um den gesamten Oberkörper ...
Auf einer Autobahn ereignet sich ein Motorradunfall. Durch Helm und Motorradkombi des Fahrers sowie die lauten Hintergrundgeräusche wird es den Rettungskräften vor Ort erschwert, den Atmungszustand des Unfallopfers einzuschätzen. Bewegungen des Brustkorbes oder hörbare Atemgeräusche können nur eingeschränkt beurteilt werden. Und wie die Atmungsfunktion des Verletzten aussieht, bleibt den Medizinern oftmals bis zum Eintreffen in der Klinik unbekannt. Dies ist nur ein Szenario, welches PD Dr. med. habil. Reske, Chefarzt des Zentrums für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Heinrich-Braun-Klinikum anfügt, um auf die erschwerte Situation bei Unfalleinsätzen hinzuweisen. „Derzeit kann am Unfallort nicht ausreichend festgestellt werden, inwieweit die Lunge verletzt ist“, erklärt der Facharzt für Anästhesiologie, der als Notarzt aktiv ist. „Vor allem bei einem Lungenriss (Pneumothorax) kann es lebensgefährlich werden, weshalb wir im Verdachtsfall häufig prophylaktisch mittels einer Drainage behandeln. Mit dem neuen nichtinvasiven Verfahren wird es möglich sein, innerhalb kürzester Zeit direkt vor Ort die Funktion der Lunge abzubilden und so den Patienten individueller und gezielter zu behandeln.“

PD Dr. med. habil. Reske ist klinischer Leiter des neuen Verbundforschungsprojekts "IMPACT" am Innovationszentrum für Computerassistierte Chirurgie (ICCAS) der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Gemeinsam mit Forschern der Universität Leipzig, der HTWK Leipzig und zwei Medizintechnik-Firmen soll ein mobiles Gerät entwickelt werden, das die Belüftung der Lunge überwacht und kontinuierlich visualisiert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Vorhaben für drei Jahre mit insgesamt rund 1,7 Millionen Euro. „Ein solches Gerät wird aus einem Elektrodengurt bestehen, der am Brustkorb des Patienten angebracht wird und dem Arzt über einen Monitor ein dynamisches Bild der Lunge anzeigt“, so der Mediziner. Gänzlich neu ist diese Technologie, die sich Elektrische Impedanz-Tomografie (EIT) nennt und die Veränderungen der elektrischen Leitfähigkeit in der Lunge misst, nicht. Im HBK kommt ein solcher Gurt bereits zum Einsatz. „Jedoch muss bisher ein Elektrodengurt um den gesamten Brustkorb des Patienten angelegt werden – was bei einem Unfall, z. B. wenn der Patient eingeklemmt ist oder die Motorradkombi den Zugang verhindert, nicht möglich ist“, so Reske. „Bei dem geplanten Gurt für den Notfalleinsatz müssen nur wenige Elektroden am Körper des Verletzten befestigt werden, um aussagekräftige Informationen zu Atmung und Lunge zu erhalten.“ So können zeitnah wegweisende Informationen für weitere Maßnahmen am Notfallort gewonnen werden. Ist der Brustkorb des Patienten nach der Rettung frei zugängig, kann der komplette Elektrodengurt angebracht werden und die Auflösung und Zuverlässigkeit des Systems weiter erhöht werden.

Das System wird auch in der Notaufnahme, im Schockraum, auf Transporten und auf Intensivstation einsetzbar sein und hier wichtige zusätzliche Informationen zur Lungenbelüftung liefern. Denkbar ist, dass sich hierdurch der Einsatz ionisierender Strahlung, wie sie bei Röntgen- oder CT-Untersuchungen eingesetzt wird, reduzieren lässt. Außerdem sollen mit dem geplanten System weitere Überwachungsparameter wie EKG, Temperatur und Sauerstoffsättigung des Blutes erfasst werden. Bereits im Jahr 2020 soll es einen Prototyp geben, der dann in ein Serienprodukt überführt werden kann.

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